Wandern hilft immer – 4 Tage Tirol

Tschirgant

Schon wieder Berge? Wenn sich alles dreht, brauche ich eine Auszeit. Ich brauche unendlich Bewegung, Raum, Zeit für Gedanken und Vertrautheit. All das finde ich beim Wandern und da braucht es keine spektakulären neuen Ziele, da braucht es Heimatgefühl. Dieses Mal bin ich mit der Bahn unterwegs und wohne ein paar Tage in Sautens, gleich zu Beginn des Ötztals.

Seit ein paar Tagen ist es auch hier sehr heiß geworden. Bei über 30 Grad gibt es jeden Tag eine erhöhte Wärmegewitterwahrscheinlichkeit. Also einmal wieder – welche App ist die zuverlässigste, welche Zeichen am Himmel sind richtungsweisend? Ich vertraue seit Jahren auf den bergfex, der aber auch nicht mehr so genau ist. Wetteronline ist für die Alpen überhaupt nicht sinnvoll. Ich habe schon im Gewitter gestanden, das hier überhaupt nicht gemeldet war und andersherum -eine Wetterwarnung bekommen und fünf Minunten später war sie aufgehoben. Einige vertrauen auf meteoblue, das habe ich dieses Mal nicht als besser wahrgenommen. Und immer den Himmel beobachten heisst es. Aufquellende Wolken ( als Brokkoliwolken bekannt), sich verändernder Wind, elektrisierte Luft ,sind ein Anzeichen für Wetterwechsel. Auch der Kersoinstreifen, der lange stehenbleibt und dann auseinandergezogen wird, weist auf eine hohe Luftfeuchtigkeit und einen Wetterwechsel hin. Im Ötztal habe ich dieses Mal gelernt, dass die dunkelsten Wolken von einem aufkommenden Wind wieder weggeschoben wurden und sich die Sonne wieder durchgesetzt hat. Also von allem ein bisschen.

Abendrunde in Sautens

Gleich an meinem ersten Wandertag bin ich etwas verunsichert, hält sich das Wetter für eine längere Tour? Ich taste mich heran und bastele mir eine Rundwanderung von Umhausen über Köfels zur Wurzbergalm. Es ist schon früh sehr warm und ich genieße die Ruhe. Ich treffe nur ein paar Radfahrer. Auf der Alm stoppe ich für eine Johannisbeerschorle und genieße den Blick auf die Berge. Beim Hinabgehen nach Unterried komme ich spontan mit zwei schweizer Radfahrern ins Gespräch. Es sind die Momente, die entstehen und bereichern. Wir tauschen unsere Begeisterung über die Gegend und Lieblingsberge aus.

Wurzbergalm

Meine Rundtour führt mich über Längenfeld auf den Weg zur Hängebrücke hinauf. In Burgstein überlege ich tatsächlich, ob ich weitergehe, die Wolken im Tal werden dunkler, die App sagt Regen erst für später vorher. Also nehme ich die Beine in die Hand und gehe schneller. Nach wenigen Minuten erreiche ich die Hängebrücke.

Hängebrücke, Längenfeld

220m über dem Tal geht es hier auf die 83m lange Brücke. Von ihr aus genieße ich den Blick über Längenfeld und das Tal. Die dunklen Wolken sind auch nicht mehr zu sehen. Also kann ich entspannt weitergehen. Der Hunger kommt auf und ich freue mich auf die Brand Alm. Sie liegt schon fast auf einem kleinen Plateau. Von der kleinen Kapelle vor der Alm hat man einen wunderbaren Blick auf das Tal. Heute allerdings hätte ich besser mal vorher online geschaut, denn es ist Ruhetag! Macht nichts, alles hat einen Grund. Ich wandere hinab und gönne mir ein großes Eis beim Konditor neben der Längenfelder Kirche.

Neuer Tag, noch besseres Wetter – neue Alm!

Von Tumpen will ich zur Armelen Hütte (1747m) aufgehen. Die Hütte kann ich vom Tal aus erahnen, eine Fahne ist ganz oben am Fels zu entdecken. Sie thront quasi oberhalb des Felses mit einem Panoramablick über das Tal. Die meiste Zeit begleitet mich das Rauschen vom riesigen Wasserfall.

Es ist einsam, herrlich ruhig, Zeit Gedanken schweifen zu lassen. Eindreiviertel Stunden später bin ich oben und stehe vor der Hütte mit der großen rot-weißen Fahne, die ich von unten gesehen hatte. Es ist so früh, dass gerade einmal die Übernachtungsgäste abreisen und die Hütte in den Tag erwacht. Die Armelen Hütte ist eine der Genussplatzel Almen. Was es hier gibt, ist aus eigenem Anbau , selbst hergestellt oder aus der Region. Der Apfelstrudel ist unfassbar gut und das Soda mit einem hausgemachten Sirup tut nach der Anstrengung gut.

Armelen Hütte

Schade, dass es so warm ist und ich einfach keinen Hunger habe, die ganze Karte klingt lecker! Hier oben herrscht eine wohltuende Ruhe, Herzlichkeit und die wunderbare Aussicht. Ich nehme mir die Zeit zum Träumen. Je höher man geht, desto kleiner werden die Sorgen – oder sie verschwinden.

Mein Rückweg führt mich zurück nach Tumpen und den Ötztaler Urweg in Richtung Habicher See. Hier war ich auch noch nie! Vor etwa 3000 Jahren hat ein erheblicher Bergsturz diese Felslandschaft geformt und damit auch den See entsehen lassen hat. An der Seite des Sees befindet sich im Fels eine Tür oberhalb ein paar Stufen. Durch den Bergsturz sind Hohlräume im Fels entstanden, die miteinander verbunden sind. Eine riesige Linde steht schützend über der Kühlkammer, die man durch die Tür betreten kann und im 17.Jhd. als diese genutzt wurde. Heute sorgt das Turmmuseum Oetz dafür, dass diese erhalten bleibt. Drinnen ist es angenehm kühl bei konstant 2 Grad!

Habicher See

Tür zur Kühlkammer

Der Wegweiser zum Piburger See lädt mich ein, weiterzuwandern. Ein felisiger Waldsteig führt mich querfeldein zu dem traumhaften See. Der 25m tiefe See liegt auf über 900m und ist durchgehend wohltemperiert. Überall am Rand liegen Badegäste und genießen die Bergkulisse.

Piburger See

Von hier gibt es einen Wanderweg oberhalb von Piburg nach Sautens mit einer versteckten Aussichtskanzel. Wenn mir nach der nun schon 20km langen Wanderung nicht langsam die Socken qualmen würden, würde ich hier verweilen. Für heute reicht es mir und ich wandere zurück nach Sautens.

Das Gute am Sommer ist,

dass das Aufstehen nicht schwer fällt. Die Sonne scheint und ich kann es kaum erwarten, den nächsten Berg hoch zu wandern. Es soll heiß werden und somit steigt wieder die Wahrscheinlichkeit für ein mögliches Gewitter. Ganz schön ist eigentlich der Aufstieg von Ochsengarten nach Hochötz. Verlockend ist auch die Einkehr auf der Bielefelder Hütte und somit mein Plan für heute. 

Die Seilbahnkabinen der Ochsengartenbahn hängen schon, werden aber erst Anfang Juli in den Sommerbetrieb kommen. Eine Ruhe, die man wirklich mögen muss. Hier sind nur Vögel und Kuhglocken zu hören. Für Kinder gibt es ein paar Schautafeln zu Tieren, die man hier sehen könnte, ich aber heute nicht. Eineinhalbstunden später bin ich oben und gehe noch den kleinen Wanderweg zum Kreuz der Rotwand.

Nach einem kleinen Fotostopp laufe ich hoch zur Bielefelder Hütte. Heute fühlen sich die 600hm fast wie ein Morgenspaziergang an. Ich habe schon immer den Weg nach draußen gesucht, wenn mir Ideen fehlten. Heute habe ich das Gefühl bei jedem Meter, den ich nach Oben gehe, Lösungen für Fragen zu finden. Alles fühlt sich viel leichter an. Bei der Bielefelder Hütte bin ich fast die einzige, die am frühen Morgen eine Erfrischung sucht, bevor ich mit der Seilbahn wieder nach Ötz fahre.

Und ein Ziel habe ich noch – die Brand Alm müsste heute geöffnet haben. Schnell nehme ich den Bus nach Huben. Dank der Summer Card, die in meiner Unterkunft inklusive ist, kann ich einfach einsteigen.

Als ich in Huben ankomme, ist es 12 Uhr mittags und die Straße nach Burgstein liegt überwiegend in der Sonne. Hilft ja nicht, also hinauf! Jede Serpentinenkurve eröffnet eine weitere Sicht über das Tal an dieser Stelle. Direkt hinter dem Ort zweigt der Weg in den Wald ab und führt mich, wie schon zuvor, über die Hängebrücke und den Waldsteig zur Brand Alm.

Auch die Brand Alm gehört zu den Genussplatzeln Almen. Es gibt Rotkleeschorle oder wie ich sie mag, mit Zirbensirup und viele mehr! (natürlich alles selbst hergestellt). Die Karte klingt verlockend und ich esse zum ersten Mal einen Thymian-Zitronen Kuchen. Bei dem Wetter eine erfischende Kombi im Kuchen. Hier ist so viel los, dass ich weitergehe und nach Längenfeld zum Bus.

Es ist mein Tag der kleinen Wanderungen – einen Abstecher zum Stuibenfall Wasserfall mache ich noch. Der höchste Wasserfall Tirols ist 159 Meter hoch und beeindruckt mich jedes Mal. Eigentlich faszinieren mich alle Wasserfälle und davon gibt es hier schon einige! Nach 15 Minuten sieht man ihn dann das erste Mal aus der Nähe. Das gemütliche Waldcafe lasse ich heute aus und gehe weiter entlang am Wasserlauf. Bevor die imposanten 720 Stufen beginnen, die einen zum obersten Punkt des Falls bringen, gibt es drei Aussichtspunkte. Mir reicht heute der zweite Punkt. Das herunterschießende Wasser versprüht eine angenehme Frische bei der Wärme, die heute herrscht.

Stuibenfall

Kein Tirol Wanderurlaub ohne Hoch Imst, das geht einfach nicht.

Also starte ich an der Kirche in Imst direkt in die Rosengartenschlucht.

Eine knappe Stunde später erreiche ich Hochimst und entscheide mich gegen den Pilzpfad und für den längeren Aufstieg über den Starkenberger Panoramaweg und später den Forstweg zur Latschenhütte. Das hatte ich mir allerdings schattiger ausgemalt. Der Weg zog sich immer weiter und der Blick auf die Höhenmeter, die nur langsam anstiegen, ließen mich das erste Mal zweifeln – doch zu heiß? Ich lasse mir Zeit und komme, gefühlt im Schneckentempo, an der Latschenhütte an. Die 900hm fühlten sich nach deutlich mehr an. Mein Traumziel wäre die noch 350hm weiter oben liegende Muttekopfhütte gewesen. Einen Apfelstrudel später gehe ich bergab, die Vernunft hat heute gesiegt.

Wehmütig spaziere ich den Forstweg hinab nach Hochimst und entscheide mich erneut für die Rosengartenschlucht anstatt auf den Postbus zu warten.

Sehr gern hätte ich am letzten Abend, wie am ersten Abend eine Runde von Sautens Richtung Ötz gemacht – es war mir schlicht zu heiss bei 30 Grad um 20 Uhr durch die Felder zu wandern. So geht meine kurze 4 – Bergtage – Auszeit zu Ende – Mein Glück in Höhenmetern, Ruhe und Weite.

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